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Ths-007-a

Sommerliche Gefühle vermitteln

Schwarzwälder Bote, 16. Juli 2012

Es gibt sie noch, die Auszeiten von Hektik, Stress und Getriebenwerden. Dazu zählt die Orgelmusik zur Marktzeit, die jeden Monat einmal in der akustisch wertvollen Benediktinerkirche geboten wird. In der gut frequentierten Serie, die von unterschiedlichen Interpreten gestaltet wird, war diesmal der Chef persönlich an der Silbermann-Orgel zu hören. Mit Christian Schmitt gestaltete Gundula Bolanz (Blockflöte) das Programm.
Beide waren solistisch oder als Duo zu hören und boten französische, holländische und italienische Musiken. Die Komponisten: Alle markante Vertreter ihrer Zeit, berühmte Musiker, Lehrer und richtungsweisende Erneuerer von Stilen, Instrumenten und Lehrmethoden. Mit Jacques Martin Hotteterres "Troisième Suite" wurde das Programm eröffnet. Die Differenziertheit und Schönheit der Musik des "Le Romain" offenbarten die Interpreten mit getragenem Prélude, Staccati der Allemande, gekonnten Trillern der Courante und springlebendiger Gigue. Dass Christian Schmitt an "seiner" Orgel zu Hause ist, das bewies er mit dem "Dialogue sur la voix humaine" von Francois Couperin. Mit verschiedenen "Nazards" entwickelte er einen tremolierenden Gesang der "menschlichen Stimme", der zu einem regelrechten Chor entwickelt wurde.
Blockflöten-Konfekt servierte danach Gundula Bolanz. Jacob van Eycks "Der Fluyten Lusthof" ist ein Muss für jeden Flötisten. Aus dem Variationswerk erklang "De zoete Zoomertyden", um sommerliche Gefühle in recht kühlen Tagen zu vermitteln. Der lange Nachhall weckte die Illusion mehrerer Instrumente. Mit "Unter der Linden grüne" von Jan Pieter Sweelinck malte Christian Schmitt leuchtende Orgel-Farben mit heiteren, liedhaften Momenten und vielen gekonnten Läufen. Die reiche Fülle der Themengestaltung endete mit einem strahlenden Schlussakkord. Vereint boten Flötistin und Organist schließlich die F-Dur-Sonate von Giuseppe Sammartini. Über angenehmen Vierteln der Orgel erhob sich die elegante Melodieführung des Andante. Liebliche Melancholie strahlte das Adagio aus, bei dem das kongruente Musizieren die Wiedergabe zum Hochgenuss machte. Das Allegro mit wohlgesetzten Tupfern der Orgel und tirilierender Flöte steigerte den positiven Eindruck. Erfreulich war, dass die Orgel bei allen Werken zurückhaltend registriert wurde und sich gekonnt an die Flöte anglich.

Siegfried Kouba

Vokalmusik aus fünf Jahrhunderten

Südkurier, 26. Mai 2012

Vor 20 Jahren wurde das namhafte Vokalensemble „Amarcord“ (frei übersetzt aus einem italienischen Dialekt: „Ich erinnere mich“) in Leipzig gegründet, seitdem steht das aus dem weltbekannten Thomanerchor hervorgegangene Quintett mit Wolfram und Martin Lattke (Tenor), Frank Ozimek (Bariton) sowie Daniel Knauft und Holger Krause (Bass) an der Spitze der heutigen a cappella-Formationen und wurde seit Jahren mit vielen honorigen Preisen wie „Echo“ oder „Midem Classical Award“ ausgezeichnet. Jetzt gastierte das Ensemble in Villingen. Wie die jüngste Vergangenheit bewies, ist Villingen offenbar eine gute Adresse für Konzerte derartiger Spitzenensembles (wie auch für Knabenchöre). Die berühmten Formationen „King's Singers“ oder „Hilliard Ensemble“ gastierten schon mehrfach sehr erfolgreich hier, und nun standen die Sänger von „Amarcord“ in ihrem ersten Villinger Münsterkonzert in der Benediktinerkirche.
Sie präsentierten unter dem Motto „Durch Finsternis zum Licht“ Vokalmusik aus fünf Jahrhunderten. Das umfangreiche Programm bestand aus 19 Teilen, die hier mehr summarisch angeführt werden. Zunächst standen die fünf Sänger vor dem Altar und boten aus dem 16. Jahrhundert „Te lucis ante terminum“ von Thomas Tallis. Es folgten von Marcus Ludwig, dem ehemaligen musikalischen Leiter des Leipziger Schauspielhauses, die „Tenebrae“ aus „3 Gedichte“ von Paul Celan sowie das gregorianische „De profundis“. Von Johann Sebastian Bach erklangen drei Chorsätze „Du großer Schmerzensmann“, „O Haupt voll Blut und Wunden“ und „Was mein Gott will, das gscheh allzeit“. Seltsamerweise blieb man trotz der Bekanntheit der Choräle irgendwie „kalt“. Auch mit manchen Gesängen des 16. Jahrhunderts von Dietrich Sixt, Johann Walther und Johann Stahel hatte man als Zuhörer etwas Mühe. Besser war man mit den gregorianischen Gesängen „Nos autem gloriari“ und „Da pacem Domine“ bedient. Ivan Moody ist britischer Komponist, Dirigent und Musikwissenschaftler. Sein Chorsatz „Apokathílosis“ beschäftigte vor allem den ersten Tenor. Einen „unaufhörlichen Fluss“ bot das lange „Credo“ von Johannes Ockeghem aus dem 15. Jahrhundert. Der letzte Teil des Programms begann mit dem gregorianischen „Nunc dimittis“ und dem Antiphon darüber von Johann Walther (16. Jahrhundert). Mit teils recht modernen Harmonien warteten die vielstrophigen „Laudes de Saint Antoine de Padoue“ von Francis Poulenc auf. Bei Carl Orffs „Sonnengesang des Heiligen Franziskus“ war das schließende „Amen“ in den Chorsatz eingebettet. Einen zeitgenössischen Eindruck machte das „Gloria“ des philippinischen Komponisten Sidney Marquez Boquiren. Zum Schluss erklang nochmals „Te lucis“ von Tallis.Nach aufbrandendem Applaus wurde als kurze Zugabe ein mehrstrophiges „Gebet“ aus Rumänien gesungen. Die Zuhörer bekamen sicherlich mit, was – wie es in der Ankündigung hieß – „unverwechselbarer Klang, atemberaubende Homogenität und musikalische Stilsicherheit“ bedeuten.

Peter Schinnerling

Exquisites Hör-Erlebnis

Schwarzwälder Bote, 26. Mai 2012

Das Vokalensembe amarcord überwältigte mit seinem Programm „Durch Finsternis zum Licht“ in der Villinger Benediktinerkirche. Gemäß des liturgischen Aufbaus wurden die fünf Viertelstunden zum innigen Gottesdienst. Die Darbietungen des vierten Münsterkonzertes waren ein Erlebnis. Nur dank des enormen Einsatzes von Klaus Wenderoth und der Sponsoren Sparkasse, Kübler Gruppe und Brauerei Rothaus konnte die Veranstaltung verwirklicht werden. Den Nektar gepflegten und qualitätsvollen Gesangs konnten die Zuhörer einsaugen. Wolfram und Martin Lattke (Tenöre), Franz Ozimek (Bariton) sowie die Bässe Daniel Knauft und Holger Krause brachten nicht nur bestens ausgebildete Stimmen mit, sondern auch das Gespür für Akustik.
Dies wurde besonders deutlich beim „Gloria“ von Sidney Marquez Boquiren, wobei die fünf Stimm-Heroen sich als Kreis im Chorraum formierten. Nur vier Worte (Gloria in excelsis deo) waren es, die in grandioser Ausformung des 1970 geborenen Komponisten zu Gehör gebracht wurden: ein exquisites Schall-Erlebnis. Schon die Aufstellung vor dem Altar und die Position als Halbrund im Chor vermittelten die Auseinandersetzung mit den räumlichen Verhältnissen. Selten sind die Klangvisionen der Benediktinerkirche so intensiv zu erleben.
Noch ein besonderes Talent des Quintetts: Das liturgische Verständnis, das sich besonders in den zusammenhängen, attacca gesungenen Lobgesängen („Sit nomen domini“, "Laudate pueri dominum“) und den Friedensbitten („Da pacem Domine“, „Nunc dimittis“) manifestierte. Was beeindruckte, war auch die Verbeugung vor dem katholischen Veranstaltungsort, die in gepflegtes Latein gekleidet wurde.
Was wären ehemalige Thomaner ohne Johann Sebastian Bach. Sehr innig und feierlich erklangen die Kompositionen des fünften Evangelisten: „Du großer Schmerzensmann“, „O Haupt voll Blut und Wunden“ und „Was mein Gott will, das gscheh allzeit“ – ein Zeugnis protestantisch-ökumenischer Einstellung.
Bewundernswert auch die Ausdauer, denn es wurde pausenlos gesungen und „Laudes de Saint Antoine de Padoue“ (Francis Poulenc) und „Sonnengesang des Heiligen Franziskus“ (Carl Orff) verlangten ob ihrer Länge permanente Präsenz. Beeindruckend bei Letztgenanntem der Orgelpunkt der beiden Bässe. Als Ausnahmeerscheinung darf man Wolfram Lattke erwähnen. Der erste Tenor hat eine hohe, charmante, elegante Stimme, die er mit Leichtigkeit einsetzt. Er beeindruckte vor allem bei dem Responsorium-Gesang des „Apokathílosis“ (Ivan Moody). Keine leichte Position hatten Martin Lattke (Tenor) und Holger Krause (Bass), die sich wegen der Zwischenlage empfindsam angleichen mussten. Zentrale Figur und Intonationshilfe war Frank Ozimek, der über einen kräftigen, strahlenden Bariton verfügt. Insgesamt ein ausgereiftes Ensemble, das gesanglich doppelt betete, ganz im lutherischen Sinne.

Siegfried Kouba

Der Reiz des Unbekannten

Südkurier, 30. April 2012

„Melodiae Sacrae“ lautet der Titel einer 1603 in Krakau erschienenen Sammlung geistlicher Kompositionen. Das dritte Villinger Münsterkonzert erklang nun unter derselben Bezeichnung in der Benediktinerkirche. Ein rund zwei Dutzend Musiker umfassendes Vokal- und Instrumentalensemble des Instituts für Alte Musik der Musikhochschule Trossingen unter der Leitung von Charles Toet bot fast ausschließlich polnische Musik aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. 
Die Komponisten Mikolaj Zielenski, Marcin Mielczewski und Adam Jarzebski sind nur Kennern der Musikgeschichte bekannt und werden bei uns selten aufgeführt. In diesem Unbekannten liegt der Reiz des aufgeführten Konzertprogramms.
Der Niederländer Charles Toet, der als Professor Alte Musik wie auch Barockposaune unterrichtet, ist in der Materie ganz zu Hause. Er präsentiert Vertonungen von lateinisch gefassten Psalmen, Messtexten und Lobpreisungen. Dazu bringt er Canzonen und andere Instrumentalstücke für den kirchenmusikalischen Gebrauch zu Gehör. Zweimal erweist er dabei Giovanni Gabrieli seine Referenz, dem venezianischen Komponisten, der nicht zuletzt auch für die polnischen Musiker für einen vielstimmig konzertierenden Stil prägend gewesen ist.
Die 16 Instrumentalisten, zumeist Studierende, haben viel Gelegenheit, das Maß ihrer künstlerischen Reife zu beweisen. Die Posaunen überzeugen mit ihrer erfreulich genauen Intonation und ihrer chorischen Geschlossenheit. Selten zu sehen, aber hier im Einsatz ist eine historische Bassposaune, deren Zug so weit reicht, dass ihn die Bläserin mit einem fest montierten Stab bedienen muss.
Die Zinken und der Dulzian gehören im 17. Jahrhundert zum festen Instrumentarium bei der Aufführung geistlicher Werke. Dem leicht gekrümmten, trompetenartig klingenden Zink kommt in Ensemblestücken häufig die Sopranpartie zu. Eine Canzone aus dem Jahr 1627 von Zielenski ist eindrückliches Beispiel dafür, wie schön dieses Instrument geblasen und stimmig ergänzt werden kann. Hier und bei allen anderen Stücken achtet Toet als Dirigent übrigens sehr sensibel darauf, dass der Schlussakkord nahtlos in den Nachhall des Kirchenraumes übergeht.
Auch die anderen Instrumentalisten können sich hören lassen: die technisch ordentlich geforderten Barockgeiger, die zuverlässigen Gambisten, der warme, dem Fagott verwandte Dulzian und die beiden Orgelpositive als sanftes, aber tragendes Fundament des Generalbasses. Die Sänger bilden ein klangschönes Ensemble, aus dem einzelne Mitglieder immer wieder mit ansprechenden solistischen Leistungen hervortreten können. Des Öfteren stellen die Werke im Blick auf ihre kleinteilige Vielstimmigkeit hohe Ansprüche an jeden einzelnen Musiker. Dass sie eingelöst worden sind, danken 60 Zuhörer mit lang anhaltendem Beifall.

Gunther Faigle

Die Passion in der Sprache der Musik

Südkurier, 20. März 2012

Münsterkantor Christian Schmitt hat in der Reihe der Villinger Münsterkonzerte ein ausdrucksstarkes Beispiel dafür geliefert, was zum Kern der Kirchenmusik gehört: die spirituelle Durchdringung von Glaubensinhalten mit den Mitteln der musikalischen Tonsprache und deren Ästhetik.
Schmitt hat mit seiner 40 Sänger umfassenden Capella Nova unter dem Titel „Crucifixus“ ein Programm aufgeführt, das Konzert zur Passionszeit und christologische Meditation in einem gewesen ist. Begleitende Improvisationen von Matthias Anton auf seinem Sopransaxofon und eingestreute Betrachtungen des ehemaligen Münsterpfarrers Kurt Müller sind dazu eine stimmige Ergänzung. Die auch erfüllte Bitte, das Konzert ohne Beifall ausklingen zu lassen, ist konsequent gewesen.
Das in der Bibel dargestellte Geschehen vom Einzug Jesu in Jerusalem bis hin zu seinem Tod und zum Schluss die Beschäftigung mit dem Kreuz als Symbol des Heils für die Menschen bieten Christian Schmitt den programmatischen Leitfaden.
Seine Werkauswahl ist kenntnisreich, ungewöhnlich und hochinteressant. Er verbindet den bis ins frühe Mittelalter zurückzuverfolgenden einstimmigen gregorianischen Gesang mit mehrstimmigen Kompositionen der Renaissance und des Barock aus England und Italien. Und er stellt dieser Musik Chorwerke zeitgenössischer Komponisten aus Litauen, Skandinavien und den USA an die Seite, die im Übrigen durchgängig lateinische Textgrundlagen verwenden.
Auf allen drei Ebenen beweist die Capella Nova ihre Qualitäten. Unter den gregorianischen Gesängen überzeugt insbesondere das „O Crux“. Die sechs Soprane intonieren klar und homogen, die Melodie- und die Textphrasen sind schön organisch gegliedert, und Christian Schmitt findet immer das angemessene Metrum. Das ist beispielhaft.
Auch die Klangwelt der englischen und italienischen Renaissance- und Barockzeit vermittelt der Kammerchor in überzeugender Manier. Die Dynamik ist eindringlich, Kraft wie Ruhe kommen zu ihrem Recht, und auch heikle Modulationen, etwa bei Antonio Lotti, gelingen tadellos transparent.
Bei einem „Sancte Deus“ von Thomas Tallis machen die Sänger mit ihrer Intensität deutlich, warum dieser Komponist in jüngerer Zeit auf neue Aufmerksamkeit gestoßen ist.
Von den heutigen Zeitgenossen ist der 1954 geborene Litauer Vytautas Miskinis mit drei Stücken vertreten. Schmitt und sein Chor verstehen bestens seine ganz eigene Harmonik, in der Dissonanz und Wohlklang beim Hören kein Widerspruch sind.

Gunter Faigle

Schlag auf Schlag begeistert

Schwarzwälder Bote, 7. Februar 2012

Abgedunkeltes Münster, vor dem Chorraum eine ganze Reihe Schlagidio- und Membranophone. Darunter Fell- und Metallinstrumente und sogar eine mit einem Röntgenbild bespannte Trommel. Dann kommt er: Murat Coskun. Er erwies sich als hervorragender Unterhalter und Trommelvirtuose und sorgte damit für einen gelungenen Auftakt der diesjährigen Münsterkonzerte. Es wurde ein Gesprächskonzert, das vor allem die vielen Klangmöglichkeiten der Rahmentrommeln näher brachte, die in der ganzen Welt, in alten Kulturen und bei vielen Naturvölkern daheim sind. Coskun deckte hauptsächlich das orientalische Feld ab, führte in den „mystischen“ Sakralraum und sorgte binnen einer Stunde für Unterhaltung und Information, was besonders bei den zahlreichen Kindern bestens ankam. 
Es war geradezu überwältigend, welche Klangvarianten, Fernwirkungen und Echos, dynamische Steigerungen und rhythmische Vielfalt möglich sind. Schon der Auftakt mit einem urnenähnlichen Gefäß ließ den Profi erahnen. Mit Fingerknöcheln an der Seite angeschlagen, mit der Handfläche das Schallloch bedient und mit Münzenrasseln verstärkt, wurde die verblüffende Wirkung nicht verfehlt. 
Unglaubliche Klang- und Rhythmusfülle wurde mit einem Tambourin erzeugt, wobei die kleinen Tschinellen auch als „Klangrädchen“ benutzt wurden. Dunkle Töne wurden mit einer nordafrikanischen Trommel erzeugt. Ein permanentes Rauschen erzeugte Geräusche von dahineilenden Pferden. Der Griff in den Resonanzkörper veränderte Intensität und Art des Klanges.
Dann der Wechsel zu einer recht kleinen Rahmentrommel mit Naturfell-Membrane, worauf ein heiteres Stück entstand. Murat Coskun erläuterte dem Publikum auch die in Afrika vorkommende Vierecktrommel „mit Innenleben“, die Schamanentrommel, eine mit Fischhaut bespannte Trommel und die Militärtrommel, die über die Janitscharenmusik auch bei deutschen Blaskapellen Eingang fand. Mit der relativ großen Basstrommel, bedient mit Rute und Stock und einem „Heldenlied“ wurde martialisches Geschehen in Szene gesetzt, wobei Kanonendonner und Einschläge erschüttern konnten. 
Eine Besonderheit war die „Hang“, eine schweizerische Metalltrommel, die aus zwei Wok-Pfannen zusammengenietet schien und an den glockenartigen Klang karibischer „Steel Drums“ oder Harfenklänge erinnerte. 
Mit akkordischem Spektrum war die anschließende Demonstration mit drei Rahmentrommeln ausgestattet, und in exotische Gefilde entführte ein Gesang aus dem osmanischen Reich, der Liebe zu Gott, den Menschen und der Natur umschrieb. Mit feuchten Fingerspitzen angerieben war ein großes Trommel-Exemplar mit tiefen Tönen zu hören, und rasant war schließlich die Zugabe.

Siegfried Kouba

Ein festliches Kulturereignis

Südkurier, 3. Januar 2012

Dieses Jahr fand bereits das 23. Silvesterkonzert in Folge für Trompete und Orgel im Villinger Münster statt und niemand konnte vor mehr als 20 Jahren die Geburtsstunde für ein alljährlich wiederkehrendes Kulturereignis erahnen! Zu danken ist das vor allem dem perfekten und unermüdlichen Trompeter wie Arrangeur Bernhard Kratzer, der heute noch als „Mann der ersten Stunde“ das Publikum mit hauptsächlich Barockmusik in das auch diesmal ausverkaufte Gotteshaus zieht. Die kongenialen Orgelpartner – Monika Nuber, Stephan Rommelspacher oder Paul Theis – wechselten im Laufe der Zeit, heute war es zum wiederholten Mal Münsterkantor Christian Schmitt, der erstmals nach seiner Elternzeit Kratzer nicht nur begleitete, sondern auch solistisch mit Werken von Gigout, Liszt und Guilmant auftrat.
Nach der Begrüßung erklang ein Trompetenkonzert der Barockzeit, die dreisätzige Sonate Nr. 1 F-Dur des Italieners Pietro Baldassare, die Bernhard Kratzer aus einem Konzert für Trompete und Streichorchester arrangiert hatte, letzteres war der Orgel anvertraut worden. Das Publikum konnte sich an heiteren Allegrosätzen und einem gesanglichen „Grave“ mit Wechselspiel zwischen Trompete und Orgel erfreuen. Es folgte eine ausdrucksstarke, festliche, wenn auch zuweilen etwas äußerliche Komposition „Grand Chœur Dialogue“, von Eugene Gigout mit einem eingängigen Hauptthema, manchmal mächtigem Orgelpart und auffälliger Schlusswirkung. Für Christian Schmitt gab es bei diesem „sieghaften Marsch im Viervierteltakt“ keinerlei Probleme.
Seine „Sechs Choräle von verschiedener Art auf einer Orgel mit 2 Clavieren und Pedal vorzuspielen“ komponierte Johann Sebastian Bach 1746 bis 1750. Alle diese sind Übertragungen von Kantatensätzen mit bekannten Choralmelodien. So handelt es sich hier um den Cantus firmus (im Alt) „Lobe den Herren, den mächtigen König“, auf der Trompete hervortretend realisiert, sodass die gute Artikulation auf der Orgel (Ober- und Bass-Stimme) in den Hintergrund trat. Zu den bekanntesten Werken von Richard Wagner gehört der „Pilgerchor“ aus der Oper „Tannhäuser“. Franz Liszt hat ihn für Orgel bearbeitet, und in dieser Form passt er gut in eine Kirche. Schmitt steigerte die Lautstärkegrade sinnvoll und ließ den Choral gedämpft im Pedal sowie mit leisen Begleitakkorden ausklingen. Es schlossen sich an Toccata und Largo für Trompete und Orgel des Bolognesers Giambattista Martini, der 1729 die Priesterweihe erhielt (Franziskanerorden). Mozart war zeitweilig sein Schüler. In den wirkungsvollen Stücken dominierte die Trompetenstimme.
Als nächste konzertante Komposition spielte Christian Schmitt „Final“ aus der 1. Orgelsonate d-Moll op. 42 von Alexandre Guilmant, der später notengetreu die ganze Komposition zu einem Orgelkonzert veränderte. Es gab viele virtuos drängende effektvolle Abschnitte mit vollem Werk und einem bombastischen Schluss. Schmitt bewies wieder, wie gut er sich in der französischen Orgelmusik auskennt!
Zum Schluss erklang eine fünfsätzige Suite D-Dur, die sogenannte „Wassermusik“ von Georg Friedrich Händel, die im Original aus 22 Einzelsätzen, zumeist mit Tanzcharakter, besteht. Die Künstler boten eine prächtige Auswahl und erzielten zu Recht viel Applaus. Sie bedankten sich mit Charpentiers „Eurovisionsfanfare“ (Prélude aus seinem „Te Deum“). Damit endete das schöne Konzert wie vorgesehen genau nach einer Stunde und machte allen politisch Verzagten Mut für das neue Jahr.

Peter Schinnerling

Euphorie für Orgel spürbar

Schwarzwälder Bote, 30. Dezember 2011

Münsterkantor Christian Schmitt gerät beim Rückblick ganz in Schwärmen. Die Rekonstruktion der Johann-Andreas-Silbermann-Orgel von 1752 – 250 Jahre nach der Weihe – sei freilich ein Kraftakt gewesen. Ohne steuerliche Finanzmittel stemmten die Initiatoren um Ulrich Kolberg das Projekt. Zahlreiche Paten spendeten Geldbeträge für Orgelpfeifen sowie Gehäuse und technische Anlagen, und sind der Orgel seither verbunden. Am Tag der Weihe sei sie finanziert gewesen, blickt Christian Schmitt zurück. Motor war Ulrich Kolberg, Vorsitzender der Silbermann-Stiftung. Schmitt hebt aber auch den Mut von Altdekan Kurt Müller und seinem Vorgänger Stephan Rommelspacher hervor.
Zehn Jahre sind mittlerweile vergangen. Die Stiftung kümmert sich seither um den Erhalt und den Unterhalt der besonderen Orgel. Diese zehn Jahre sind eine besondere Wegmarke auch für Christian Schmitt, der seither am Villinger Münster Kirchenmusiker ist. Und er war es auch, der vor zehn Jahren, zur Weihe der Silbermann-Orgel mit der „Orgelmusik zur Marktzeit“ eine Reihe ins Leben rief, die bis heute beliebt ist und einmal im Monat, samstags, 11 Uhr, angeboten wird. „Ich hätte nie gedacht, dass sie so lange läuft.“ Die Besucher genießen eine halbe Stunde die Klänge der Orgel und die schöne Umgebung.
Nun steht der runde Geburtstag vor der Tür. Zusammen mit der Silbermann-Stiftung stellte Schmitt ein Programm zusammen. Zum Festkonzert am Samstag, 22. September 2012, 20 Uhr, spielen in der Benediktinerkirche das Freiburger Barockorchester und Martin Schmeding, Orgelprofessor der Musikhochschule Freiburg. „Das ist ein sehr außergewöhnliches Programm“, freut sich der Kantor und hebt die Besonderheit hervor, wenn die Orgel wie ein Klavier mit einem Orchester zusammen konzertiere. Chor, Orchester und Solisten wirken im Festgottesdienst am Sonntag, 23. September, mit, dem sich ein Empfang anschließt.
Die rekonstruierte Silbermann-Orgel erklingt überdies 2012 zwölfmal zur Marktzeit. Unter den Organisten sind unter anderem Anna-Victoria Baltrusch, Preisträgerin des ARD-Musikwettbewerbs (14. April) und Sebastian-Küchler-Blessing (12. Mai), Preisträger der Internationalen Orgelwoche in Nürnberg. Und kurz vor dem Festwochenende, am 15. September, tritt Münsterkantor Christian Schmitt mit Gaston Kern auf, der Orgelbauer aus dem Elsass, der die Rekonstruktion in die Tat umsetzte.
Das Festkonzert mit der Silbermann-Orgel zählt zum Höhepunkt im Jahresprogramm der Villinger Münsterkonzerte. Auftakt der Reihe ist am 5. Februar mit Perkussion solo. Es folgen „Crucifixus“ – Musik zur Passion am 18. März und „Melodiae Sacrae“ am 27. April. Herausragend ist für Schmitt überdies der Auftritt des Vokalensembles Amarcord Leipzig am 24. Mai in der Benediktinerkirche. Der Kammerchor „Capella Vocale“ aus Würzburg singt am 30. Juni. Ein Orgelkonzert zum Patrozinium des Münsters steht am 15. August im Programm. Brahms’ „Ein deutsches Requiem“ wird am 18. November aufgeführt. Den Schlusspunkt bildet das Silvesterkonzert, das auch heute, Samstag, 22 Uhr, im Münster das Programm für 2011 beschließt und den Auftakt bildet für das besondere Jahr der Silbermann-Orgel in der Benediktinerkirche.

Uwe Klausner