Schwarzwälder Bote, 7. Februar 2012
Schlag auf Schlag begeistert
Abgedunkeltes Münster, vor dem Chorraum eine ganze Reihe Schlagidio- und Membranophone. Darunter Fell- und Metallinstrumente und sogar eine mit einem Röntgenbild bespannte Trommel. Dann kommt er: Murat Coskun. Er erwies sich als hervorragender Unterhalter und Trommelvirtuose und sorgte damit für einen gelungenen Auftakt der diesjährigen Münsterkonzerte. Es wurde ein Gesprächskonzert, das vor allem die vielen Klangmöglichkeiten der Rahmentrommeln näher brachte, die in der ganzen Welt, in alten Kulturen und bei vielen Naturvölkern daheim sind. Coskun deckte hauptsächlich das orientalische Feld ab, führte in den „mystischen“ Sakralraum und sorgte binnen einer Stunde für Unterhaltung und Information, was besonders bei den zahlreichen Kindern bestens ankam.
Es war geradezu überwältigend, welche Klangvarianten, Fernwirkungen und Echos, dynamische Steigerungen und rhythmische Vielfalt möglich sind. Schon der Auftakt mit einem urnenähnlichen Gefäß ließ den Profi erahnen. Mit Fingerknöcheln an der Seite angeschlagen, mit der Handfläche das Schallloch bedient und mit Münzenrasseln verstärkt, wurde die verblüffende Wirkung nicht verfehlt.
Unglaubliche Klang- und Rhythmusfülle wurde mit einem Tambourin erzeugt, wobei die kleinen Tschinellen auch als „Klangrädchen“ benutzt wurden. Dunkle Töne wurden mit einer nordafrikanischen Trommel erzeugt. Ein permanentes Rauschen erzeugte Geräusche von dahineilenden Pferden. Der Griff in den Resonanzkörper veränderte Intensität und Art des Klanges.
Dann der Wechsel zu einer recht kleinen Rahmentrommel mit Naturfell-Membrane, worauf ein heiteres Stück entstand. Murat Coskun erläuterte dem Publikum auch die in Afrika vorkommende Vierecktrommel „mit Innenleben“, die Schamanentrommel, eine mit Fischhaut bespannte Trommel und die Militärtrommel, die über die Janitscharenmusik auch bei deutschen Blaskapellen Eingang fand. Mit der relativ großen Basstrommel, bedient mit Rute und Stock und einem „Heldenlied“ wurde martialisches Geschehen in Szene gesetzt, wobei Kanonendonner und Einschläge erschüttern konnten.
Eine Besonderheit war die „Hang“, eine schweizerische Metalltrommel, die aus zwei Wok-Pfannen zusammengenietet schien und an den glockenartigen Klang karibischer „Steel Drums“ oder Harfenklänge erinnerte.
Mit akkordischem Spektrum war die anschließende Demonstration mit drei Rahmentrommeln ausgestattet, und in exotische Gefilde entführte ein Gesang aus dem osmanischen Reich, der Liebe zu Gott, den Menschen und der Natur umschrieb. Mit feuchten Fingerspitzen angerieben war ein großes Trommel-Exemplar mit tiefen Tönen zu hören, und rasant war schließlich die Zugabe.
Siegfried Kouba
Südkurier, 3. Januar 2012
Ein festliches Kulturereignis
Dieses Jahr fand bereits das 23. Silvesterkonzert in Folge für Trompete und Orgel im Villinger Münster statt und niemand konnte vor mehr als 20 Jahren die Geburtsstunde für ein alljährlich wiederkehrendes Kulturereignis erahnen! Zu danken ist das vor allem dem perfekten und unermüdlichen Trompeter wie Arrangeur Bernhard Kratzer, der heute noch als „Mann der ersten Stunde“ das Publikum mit hauptsächlich Barockmusik in das auch diesmal ausverkaufte Gotteshaus zieht. Die kongenialen Orgelpartner – Monika Nuber, Stephan Rommelspacher oder Paul Theis – wechselten im Laufe der Zeit, heute war es zum wiederholten Mal Münsterkantor Christian Schmitt, der erstmals nach seiner Elternzeit Kratzer nicht nur begleitete, sondern auch solistisch mit Werken von Gigout, Liszt und Guilmant auftrat.
Nach der Begrüßung erklang ein Trompetenkonzert der Barockzeit, die dreisätzige Sonate Nr. 1 F-Dur des Italieners Pietro Baldassare, die Bernhard Kratzer aus einem Konzert für Trompete und Streichorchester arrangiert hatte, letzteres war der Orgel anvertraut worden. Das Publikum konnte sich an heiteren Allegrosätzen und einem gesanglichen „Grave“ mit Wechselspiel zwischen Trompete und Orgel erfreuen. Es folgte eine ausdrucksstarke, festliche, wenn auch zuweilen etwas äußerliche Komposition „Grand Chœur Dialogue“, von Eugene Gigout mit einem eingängigen Hauptthema, manchmal mächtigem Orgelpart und auffälliger Schlusswirkung. Für Christian Schmitt gab es bei diesem „sieghaften Marsch im Viervierteltakt“ keinerlei Probleme.
Seine „Sechs Choräle von verschiedener Art auf einer Orgel mit 2 Clavieren und Pedal vorzuspielen“ komponierte Johann Sebastian Bach 1746 bis 1750. Alle diese sind Übertragungen von Kantatensätzen mit bekannten Choralmelodien. So handelt es sich hier um den Cantus firmus (im Alt) „Lobe den Herren, den mächtigen König“, auf der Trompete hervortretend realisiert, sodass die gute Artikulation auf der Orgel (Ober- und Bass-Stimme) in den Hintergrund trat. Zu den bekanntesten Werken von Richard Wagner gehört der „Pilgerchor“ aus der Oper „Tannhäuser“. Franz Liszt hat ihn für Orgel bearbeitet, und in dieser Form passt er gut in eine Kirche. Schmitt steigerte die Lautstärkegrade sinnvoll und ließ den Choral gedämpft im Pedal sowie mit leisen Begleitakkorden ausklingen. Es schlossen sich an Toccata und Largo für Trompete und Orgel des Bolognesers Giambattista Martini, der 1729 die Priesterweihe erhielt (Franziskanerorden). Mozart war zeitweilig sein Schüler. In den wirkungsvollen Stücken dominierte die Trompetenstimme.
Als nächste konzertante Komposition spielte Christian Schmitt „Final“ aus der 1. Orgelsonate d-Moll op. 42 von Alexandre Guilmant, der später notengetreu die ganze Komposition zu einem Orgelkonzert veränderte. Es gab viele virtuos drängende effektvolle Abschnitte mit vollem Werk und einem bombastischen Schluss. Schmitt bewies wieder, wie gut er sich in der französischen Orgelmusik auskennt! Zum Schluss erklang eine fünfsätzige Suite D-Dur, die sogenannte „Wassermusik“ von Georg Friedrich Händel, die im Original aus 22 Einzelsätzen, zumeist mit Tanzcharakter, besteht. Die Künstler boten eine prächtige Auswahl und erzielten zu Recht viel Applaus. Sie bedankten sich mit Charpentiers „Eurovisionsfanfare“ (Prélude aus seinem „Te Deum“). Damit endete das schöne Konzert wie vorgesehen genau nach einer Stunde und machte allen politisch Verzagten Mut für das neue Jahr.
Peter Schinnerling
Schwarzwälder Bote, 30. Dezember 2011
Euphorie für Orgel spürbar
Münsterkantor Christian Schmitt gerät beim Rückblick ganz in Schwärmen. Die Rekonstruktion der Johann-Andreas-Silbermann-Orgel von 1752 – 250 Jahre nach der Weihe – sei freilich ein Kraftakt gewesen. Ohne steuerliche Finanzmittel stemmten die Initiatoren um Ulrich Kolberg das Projekt. Zahlreiche Paten spendeten Geldbeträge für Orgelpfeifen sowie Gehäuse und technische Anlagen, und sind der Orgel seither verbunden. Am Tag der Weihe sei sie finanziert gewesen, blickt Christian Schmitt zurück. Motor war Ulrich Kolberg, Vorsitzender der Silbermann-Stiftung. Schmitt hebt aber auch den Mut von Altdekan Kurt Müller und seinem Vorgänger Stephan Rommelspacher hervor. Zehn Jahre sind mittlerweile vergangen. Die Stiftung kümmert sich seither um den Erhalt und den Unterhalt der besonderen Orgel. Diese zehn Jahre sind eine besondere Wegmarke auch für Christian Schmitt, der seither am Villinger Münster Kirchenmusiker ist. Und er war es auch, der vor zehn Jahren, zur Weihe der Silbermann-Orgel mit der „Orgelmusik zur Marktzeit“ eine Reihe ins Leben rief, die bis heute beliebt ist und einmal im Monat, samstags, 11 Uhr, angeboten wird. „Ich hätte nie gedacht, dass sie so lange läuft.“ Die Besucher genießen eine halbe Stunde die Klänge der Orgel und die schöne Umgebung. Nun steht der runde Geburtstag vor der Tür. Zusammen mit der Silbermann-Stiftung stellte Schmitt ein Programm zusammen. Zum Festkonzert am Samstag, 22. September 2012, 20 Uhr, spielen in der Benediktinerkirche das Freiburger Barockorchester und Martin Schmeding, Orchesterprofessor der Musikhochschule Freiburg. „Das ist ein sehr außergewöhnliches Programm“, freut sich der Kantor und hebt die Besonderheit hervor, wenn die Orgel wie ein Klavier mit einem Orchester zusammen konzertiere. Chor, Orchester und Solisten wirken im Festgottesdienst am Sonntag, 23. September, mit, dem sich ein Empfang anschließt. Die rekonstruierte Silbermann-Orgel erklingt überdies 2012 zwölfmal zur Marktzeit. Unter den Organisten sind unter anderem Anna-Victoria Baltrusch, Preisträgerin des ARD-Musikwettbewerbs (14. April) und Sebastian-Küchler-Blessing (12. Mai), Preisträger der Internationalen Orgelwoche in Nürnberg. Und kurz vor dem Festwochenende, am 15. September, tritt Münsterkantor Christian Schmitt mit Gaston Kern auf, der Orgelbauer aus dem Elsass, der die Rekonstruktion in die Tat umsetzte. Das Festkonzert mit der Silbermann-Orgel zählt zum Höhepunkt im Jahresprogramm der Villinger Münsterkonzerte. Auftakt der Reihe ist am 5. Februar mit Perkussion solo. Es folgen „Crucifixus“ – Musik zur Passion am 18. März und „Melodiae Sacrae“ am 27. April. Herausragend ist für Schmitt überdies der Auftritt des Vokalensembles Amarcord Leipzig am 24. Mai in der Benediktinerkirche. Der Kammerchor „Capella Vocale“ aus Würzburg singt am 30. Juni. Ein Orgelkonzert zum Patrozinium des Münsters steht am 15. August im Programm. Brahms’ „Ein deutsches Requiem“ wird am 18. November aufgeführt. Den Schlusspunkt bildet das Silvesterkonzert, das auch heute, Samstag, 22 Uhr, im Münster das Programm für 2011 beschließt und den Auftakt bildet für das besondere Jahr der Silbermann-Orgel in der Benediktinerkirche.
Uwe Klausner